Was wir mitnehmen

Vor genau zwei Wochen fand die Demo zum Frauen*kampftag in Bremen statt. Gemeinsam sind wir auf die Straße gegangen, um laut zu sein für eine andere Gesellschaft, und ein Zeichen zu setzen gegen Sexismus, Rassismus und Patriarchat. Wir haben uns unglaublich gefreut, dass unserem Aufruf so viele Menschen gefolgt sind – wir haben selbst nicht mit so vielen Menschen gerechnet. Die Demo war laut und bunt und es herrschte eine tolle Stimmung – danke an alle, die da waren und damit all das erst möglich gemacht haben!
Trotzdem wollen wir diesen Post auch nutzen um auf Kritik einzugehen, die an uns herangetragen wurde. Uns sind selbst auch einige Dinge aufgefallen, die besser hätten laufen können – vieles davon hätten wir selbst beeinflussen können, einige Punkte wollen wir aber mit allen, die auf der Demo waren teilen, da sie das Verhalten von Demoteilnehmer*innen betreffen.

Einmal vorangestellt wollen wir einen kleinen Einblick in das Bündnis geben: Wir haben uns knapp zwei Wochen vor der Demo getroffen und uns trotz der vielen Aufgaben, die wir innerhalb kürzester Zeit zu bewältigen hatten, dafür entschieden, dass wir es wichtig finden, dass es auch in Bremen dieses Jahr eine Demo zum Frauen*kampftag gibt. Durch die kurze Vorbereitungszeit waren wir auf der Demo selbst leider nicht auf alle Eventualitäten, wie den Ausfall des Generators (der ja am Ende zum Glück wieder angegangen ist) eingestellt und waren auf der Demo selbst auch ein eher kleines Orga-Team. Die vielen kleinen Sachen, die dann spontan geregelt wurden, lassen sich in unseren Augen bei einer längeren Vorbereitungszeit und einem größeren aktiven Orga-Kreis höchstwahrscheinlich besser regeln, in dem Rahmen jetzt können wir aber auch damit leben, dass nicht alles perfekt gelaufen ist und sind im Gegenteil zufrieden mit dem, was wir unter diesen Rahmenbedingungen gemacht haben.
Wir und andere Personen haben vor allem im vorderen Teil der Demo (erster Block) einige Personen beobachtet, die in unseren Augen mackeriges Verhalten an den Tag gelegt haben. 
Das hat sich dadurch geäußert, dass von cis-männlichen (1) Personen (bzw. von Personen, die wir so gelesen haben…) viel Raum eingenommen wurde, sie sehr sichtbar und laut im ersten Block waren und sie teilweise sogar Sprechchöre von anderen übertönt haben. Die Auswirkungen dessen waren, dass sich Menschen teilweise nicht wohlgefühlt und an den Rand gedrängt gefühlt haben. Eine Demo gegen Sexismus, Patriarchat und damit auch gegen Mackerei sollte auch eine Art Schutzraum bieten können, für Menschen die von Seximus betroffen sind, so weit das im öffentlichen Raum möglich ist. Von Sexismus betroffen zu sein heißt, dass wir uns oft nicht selbstverständlich im öffentlichen Raum bewegen können, dass wir für weniger kompetent oder glaubwürdig gehalten werden, unsere Grenzen oft nicht respektiert und überschritten werden und wir als bossy oder aufmerksamkeitssüchtig wahrgenommen werden, wenn wir mal mehr Raum einnehmen als die Gesellschaft das von FLTI* Personen gewöhnt ist. Wenn wir auf Demos gehen, hören wir, wenn wir hohe Stimmen haben, uns selber nicht und werden dadurch praktisch unsichtbar. Diese und andere Sachen erleben FLTI*-Personen individuell, nicht alle machen die gleichen Erfahrungen, aber es sind Erfahrungen, die viele von uns teilen.
Cis-männliche Personen machen diese Erfahrungen wahrscheinlich deutlicher weniger oft. Natürlich ist es nicht einfach zu realisieren, dass die eigene Realität nicht für alle Menschen, bzw. besser gesagt: die allerwenigsten, zutrifft. Wir wollen aber an alle Menschen und vor allem diejenigen, die mit uns solidarisch sind, den Anspruch stellen, dass sie hinterfragen, wie ihre eigene Sozialisation und Verhaltensweisen Einfluss auf andere haben. Anders ist es in unseren Augen kaum möglich, sich ernsthaft solidarisch zu verhalten und u.a. zu akzeptieren, dass auf einer feministischen Demo vor allem FLTI* Personen laut und sichtbar sind und damit den Normalzustand auf die Probe stellen. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, dass auf dieser Demo alle Menschen, sofern sie unsere feministischen Überzeugungen teilen, willkommen sein sollen, weil wir es wichtig finden, dass feministische Gesellschaftsveränderung von allen Menschen getragen wird. Wir finden es aber trotzdem wichtig, dass dabei nicht die gleichen Verhaltensweisen reproduziert werden, die den Normalzustand erst ausmachen und festigen, wir wollen eine andere Gesellschaft und die fängt bei uns allen selbst an. 
Bei allen Personen, die sich auf der Demo aufgrund von Mackerei oder dergleichen unwohl gefühlt haben, möchten wir uns entschuldigen. Durch organisierte erste Reihen oder bessere Ansagen vom Lauti aus, hätten wir nochmal besser auf Einzelsituationen eingehen können. Bei einer nächsten Frauen*kampftag-Demo, die in Bremen nächstes Jahr unbedingt wieder  stattfinden sollte, wollen wir das Feedback und Erkenntnisse aus diesem Jahr in die Planung und Gestaltung einfließen lassen. Durch einen früheren Beginn der Planung und einem größeren Bündnis- und Orga-Kreis, lassen sich solche Negativerlebnisse hoffentlich verhindern.
Wir würden uns freuen, wenn bei der Orga nächstes Jahr möglichst viele Menschen und Gruppen/Organisationen dabei sind – meldet euch bei uns, wenn ihr dabei sein wollt! Wir werden verraussichtlich schon Ende des Jahres mit der Vernetzung beginnen.
 
 
(1) cis: cis-männlich oder cis-weiblich bedeutet, dass sich eine Person in dem Geschlecht, dass ihr bei der Geburt aufgrund von biologischen Merkmalen zugeschrieben wurde, wohlfühlt bzw. sich damit identifiziert. 

2 Gedanken zu „Was wir mitnehmen

  1. Hi,
    danke für den Artikel. Wieso werden nicht einfach Demos organisiert, in der nur Frauen* willkommen sind? Vielleicht sollten solidarische Männer an dem Tag lieber die Hausarbeit für ihre Mitbewohnerinnen, Genossinnen und Freundinnen erledigen oder ein Gespräch mit einem anderen Mann (!) zu kritischer Männlichkeit führen, anstatt auf einer feministischen Demo mit zu laufen und im schlimmsten Fall da noch rumzumackern.

    Die Definition finde ich übrigens etwas schräg: „cis-männlich oder cis-weiblich bedeutet, dass sich eine Person in dem Geschlecht, dass ihr bei der Geburt aufgrund von biologischen Merkmalen zugeschrieben wurde, wohlfühlt“
    Welche Frau* fühlt sich schon „wohl“ mit ihrem Geschlecht, wo doch so viele negative Aspekte daran hängen? Diese Definition unterschlägt tendenziell die grundlegende Einsicht, dass so ziemlich alle Menschen von Geburt an mit mehr oder weniger sanfter Gewalt in eins von zwei Geschlechtern gepresst werden und das ganze also keine Frage von Zuschreibung und ein – im Falle der meisten Menschen – sich Wohlfühlen damit ist. Feminismus ist ja genau die politische Praxis, die darauf reagiert, dass sich ziemlich viele Frauen mit ihrem Frausein nicht wohlfühlen.
    Solidarische Grüße

    • Hallo Elfriede, danke für deine Rückmeldung.
      Die Entscheidung, eine Demo zu organisieren, auf der auch cis-Männer willkommen sind, ist tatsächlich keine Selbstverständlichkeit. Die Erfahrungen aus diesem Jahr könnten Grund sein, dies nächstes Jahr anders zu machen, gleichzeitig gibt es in unseren Augen aber auch Argumente für eine Demo, die offen für alle ist.

      Zu der Definition: Stimmt, ich habe dort noch ergänzt „bzw. sich damit identifiziert“. Danke für die Kritik!

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